Vorausschauen oder dem Leben trauen?

Sonnenschirm
Schutzschirm: Muss ich mich vor allem schützen? Oder habe ich Vertrauen?

Es mag wohl an den vielen beschämenden Kommentaren im Facebook-Auftritt meiner Lokalzeitung zu einem Artikel über Wohnungsnot der Flüchtlinge gelegen haben, dass ich heute Nacht von meiner eigenen Flucht geträumt habe. Soeben wollte ich den Eintrag und die Kommentare online noch einmal nachlesen, aber er wurde inzwischen komplett gelöscht. Anscheinend liefen die Kommentare völlig aus dem Ruder. Ich will nicht weiter auf den Artikel oder die dummen Bemerkungen eingehen. Mich haben sie gestern allerdings sehr betroffen gemacht, weshalb mein Traum auch sehr beängstigend und bedrückend war: Ich musste fliehen, konnte aber vor meiner Flucht die wichtigsten Unterlagen greifen (Zeugnisse, Versicherungen etc.). Gleichzeitig befiel mich jedoch die Panik, ich müsse doch noch dies oder jenes mitnehmen. Und es fand kein Ende. Was, bitte, ist nötig? Was hat „nur“ sentimentalen Wert? Hin und her gerissen, was ich mitnehmen sollte, könnte oder auch nicht, habe ich mich sicherlich im Bett hin- und her gewälzt. Und war froh, als endlich der Wecker ging.

Der Traum ging mir heute den ganzen Tag durch den Kopf, weshalb ich versuchen will, mir durch das Schreiben etwas Klarheit zu verschaffen. Ich lebe zum Glück in einem Land, in welchem ich nicht täglich damit rechnen muss, zu fliehen. Ich muss nicht auf gepackten Koffern sitzen. Ich muss keine Entscheidung fällen, was ich in der Not brauche und was nicht.

Gleichzeitig erinnere ich mich, dass mein Vater hinter dem Ehebett immer einen Aktenkoffer stehen hatte, mit den wichtigsten Unterlagen. So könne er jederzeit (bei Feuer, Gefahr etc.) schnell den Koffer greifen und habe damit alles Wichtige bei sich. Ein Kollege erzählte mir einmal, er habe keine Originalunterlagen zu Hause, sondern nur Kopien. Die echten Zeugnisse, Pässe und Dokumente lägen im Schließfach der Bank.

Auf der einen Seite bewundere ich solche Umsicht. Das klingt alles sehr logisch und praktisch für mich. Auf der anderen Seite frage ich mich: „Wie sehr traue ich dem Leben?“ Möchte ich täglich darauf vorbereitet sein, das Schlimmste abzuwehren? Soll ich wirklich damit rechnen, dass es zuhause brennt, mein Haus einstürzt oder ich die Flucht ergreifen muss? Oder will ich nicht lieber davon ausgehen, dass sich alles zum Guten wendet. Ein lieber Freund von mir (Pfarrer), mit dem ich über dieses Thema vor längerer Zeit ein gutes Gespräch hatte, machte mir in diesem Zusammenhang bewusst, dass ich doch dem Leben vertrauen könne. Irgendwo liegen Kopien der Zeugnisse (z. B. beim aktuellen Arbeitgeber), evtl. kann auch die Schule sie wieder ausstellen. Versicherungsunterlagen hat die Versicherung. Fotos oder Basteleien der Kinder habe ich in meiner Erinnerung, in meinem Herzen. Vieles andere kann wieder beschafft werden. Also warum solche Angst?

Die Gretchenfrage lautet also: Vorausschauend planen oder dem Leben vertrauen?
Wie haltet ihr es damit? Was würdet ihr unter keinen Umständen zurücklassen? Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr eure Meinung dazu in den Kommentaren aufführt. Ich freue mich schon darauf.

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2 Gedanken zu “Vorausschauen oder dem Leben trauen?

  1. Das ist ein wirklich interessanter Artikel. Danke 🙂

    Ich glaube, fast jeder hat sich schomal mit der Frage, „Was wäre wenn die Katasrophe ausbrechen würde… “ beschäftigt.

    Aber dann verwerfen wir die Frage bald, weil sie unangenehm ist und zudem noch unrealistisch erscheint. Dabei müssen wir erkennen, dass in jedem Moment unseres Lebens etwas unvorhergesehenes passieren kann. Es macht also Sinn, sich ernsthanfte Gedanken zu machen.

    Wenn wir die Möglichkeit akzeptieren, dass das Leben plötzlich eine Wendung nehmen kann, können wir eine Vorsorge treffen mit der wir gut Leben können.

    Die Idee mit dem Aktenkoffer oder vielleicht auch Bank ist also gar nicht mal so schlecht. Kopien bei sich zu haben reicht, wenn man wirklich die Flucht ergreifen muss, völlig aus. Ansonsten sind Essen, Kleidung, Decken wichtig. Ich denke, die kann jeder schnell zusammen packen, solange nicht eine unmittelbare Gefahr besteht. Dann wäre es besser alles Stehen und liegen zu lassen 🙂

    Liebe Grüße,
    Wasana

  2. Liebe Margit,

    mir gefällt vor allem das Resume deines Beitrags sehr gut und es ist das, was ich täglich übe: Dem Leben immer mehr vertrauen lernen, mich ihm hingeben.

    Ja ich weiß, es gibt Dinge, die sollte man besser vorher bedacht haben, wie z.B. die Sicherung der Dateien auf einer externen Festplatte oder ähnliches, weil so ein Computer ja immer mal abschmieren kann. Andererseits mach ich wirklich nicht ständig mit dem Schlimmsten rechnen, mit dem Ernstfall etc.

    Ich glaube, wenn ich lerne meinen spontanen Impulsen wirklich zu trauen, dann ist für mich gesorgt. Die Umsetzung fällt mir nicht immer so leicht.

    Liebe Grüße
    Marion

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