Vom Schreiben, Sinnieren und Meditieren

Nach einer Rundwanderung schreibt es sich gleich viel besser.
Nach einer Rundwanderung schreibt es sich gleich viel besser.

Vor kurzem war ich im wunderschönen Kloster Himmerod zum Kurs „Schreiben und Meditieren„. Und so war es für mich:

Gut liegt er in der Hand, der neue Füller. Er schmiegt sich in meine Finger, als wäre er dort zu Hause. Kuschelt sich fest an mich und möchte dennoch fließen. Es ist Jahrzehnte her, dass ich einen Federhalter mein Eigen nennen konnte. Im Zeitalter von Computer und Handy wirkt er zuerst für mich wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Der Geruch von Kreide steigt in meiner Nase auf, das Quietschen der Schiefertafel summt in meinem Ohr. Fast bin ich wieder ein Grundschulkind. Aber nur fast. In Wirklichkeit sitze ich im Zug, unterwegs von der Arbeit nach Hause und entwerfe auf einem kleinen Block eine grobe Skizze meines Buches. Jetzt endlich habe den Mut, loszulegen. Anzufangen. Das, was seit Jahren in mir schlummert, in den Fluss zu bringen.

Wann singt dein Herz?

Wenn ich Menschen befrage, was sie sehr gerne machen, bekomme ich vielfältige Antworten zu hören. Ein jeder kann etwas erzählen: vom Tanzen, Joggen, Meditieren, Malen … Die Augen der Menschen fangen an zu leuchten und es geht eine Energie von ihnen aus, die fast greifbar ist. Meine Frage lautet deshalb immer „Wann singt dein Herz?“ Und es sprudelt aus ihnen heraus. Doch wenn ich dann frage: „Wie oft machst du das, was dein Herz glücklich macht?“ werden sie still. Nachdenklich. Und die Antwortet lautet fast immer „Viel zu selten.“

So ist es auch bei mir. Schon als Jugendliche schrieb ich kleine Kurzgeschichten. Damals noch mit Füller in einem Heft. Dann kam das Studium, die erste Schreibmaschine und der Füllfederhalter verschwand. Irgendwo in meinem Zimmer liegen mehrere Din A4-Seiten mit Texten. Angefangene Bücher. Irgendwo, vergraben unter Rechnungen, Fotoalben, Schmierpapier. Heute sitze ich den ganzen Tag am Rechner und tippe in großer Geschwindigkeit, klicke hier und dort, blogge und twittere. Zücke bei der erst besten Gelegenheit das Handy, um auf dem Laufenden zu sein. Arbeitsaufträge an die Kinder zu verschicken. Liebesgrüße an meinen Mann. Ständig online. Ständig vernetzt. Alles weit entfernt von dem, was mich wirklich glücklich macht.

Da kam mir das Seminar „Schreiben und Meditieren“ gerade recht. Welch ein Segen, ein Wochenende lang nur für mich und meine Gedanken. Innenschau halten. Schreiben können. Und das auch noch direkt um die Ecke. Keine halbe Stunde Fahrtzeit von mir entfernt liegt das imposante Kloster Himmerod inmitten einer wundervollen, unberührten Landschaft. Dass damit auch ein Funkloch verbunden sein würde, war mir zum Zeitpunkt der Anmeldung zum Glück nicht bewusst.

Leidenschaft und Ritter

An einem Freitagnachmittag um 16 Uhr ging es los. Nachdem ich die Vorstellungsrunde aufgrund der chaotischen Organisation des Klosterbruders leider verpasst hatte, wurden wir von Rüdiger Heins, dem Kursleiter, auf spielerische Art an das Erzählen, Geschichtenmalen gebracht. Ein jeder wurde aufgefordert, den Inhalt seiner Hosentasche vor sich auszubreiten und allen zu erzählen, warum er welche Gegenstände mit sich herum trägt. Interessant, was da so zu tage kam. Die Gegenstände und ihre Geschichten vermittelten mir einen ersten Eindruck der Menschen, mit denen ich die nächsten zwei Tage verbringen wurde. Da gab es die Minimalisten, die wirklich nur das notwendigste bei sich trugen. Und die Jäger und Sammler, die für alle Eventualitäten gerüstet waren.

Weiter ging es mit unserem eigenen Namen. Wir notierten spielerisch Wort-Assoziationen und trugen diese anschließend im Kreis vor. Und dann ging es ans Schreiben. Rüdiger pickte sich bei jedem ein oder mehrere Begriffe heraus, und wir bekamen die Aufgabe, eine Geschichte zu schreiben, die die vorgegebenen Worte enthalten musste. Und ich legte los. Was sich im Laufe des Wochenendes verstärkt zeigen würde, nahm hier seinen Anfang: In mir schlummern Geschichten. Wie aus dem Ärmel geschüttelt, entfloss meiner Hand eine Kurzgeschichte über Liebe, Ritter und Leid. Das Schreiben mit der Hand war noch ungewohnt, aber da gab es etwas, was hinaus wollte und ruck-zuck war ich im Fluss. Es folgten noch weitere einfache Schreibübungen, zum Beispiel „das Elfchen“. Was mich erst etwas abgeschreckt hatte (Lyrik? Oh Gott) machte mir plötzlich viel Spaß und ich entdeckte den Schalk in mir, beim Dichten humorvoller Texte.

Eine ruhige Zen-Meditation, die wir nach einigen Tai-Chi-Übungen zusammen in der Kapelle erlebten, bildete einen runden Abschluss zu diesem kreativen Einstieg. Zurück in meinem einfachen Zimmer blieb mir mangels fehlender Internet-Verbindung und Sitzgelegenheit nur noch das Bett und ziemlich schnell war ich eingeschlafen.

Offline – Online – Inline

Auf meinem längeren morgendlichen Spaziergang im Wald (hurra, ich hatte endlich Internetverbindung und konnte twittern und smsen) liefen mir drei Rehe über den Weg und ich war beseelt von der Stille im Wald und der Ursprünglichkeit um mich herum. Nach dem Frühstück trafen wir uns in der Kapelle und begannen den Tag wie wir ihn abends beendet hatten: mit Tai-Chi und Meditation. Was danach folgte, waren Stunden, die an Intensität kaum zu überbieten sind. Rüdiger stellte uns verschiedene Übungen vor, wie wir in das Schreiben kommen können. Wir schrieben Zweiminuten-Texte oder bekamen zehn Wörter, die wir in Prosa aufbereiten sollten. Es war berührend und spannend, zu erleben, welch unterschiedliche Geschichten entstanden. Manch einer packte seine Seele ungeschützt und offen in seinen Text. Zum Glück war die Gruppe sehr harmonisch. Es gab keine Kritik, keiner wurde ausgelacht. Alles, was herauskam, wurde getragen und manches murmelnde Nicken zeigte: Da hat jemand den richtigen Ton, die richtigen Worte gefunden.

Die Haiku-Dichtung, die mir vorab etwas Respekt eingeflößt hatte, lockte erneut den Schalk in mir hervor und ich dichtete munter Humorvolles. Dank des zauberhaften Frühlingswetters konnten wir den ganzen Nachmittag draußen in der Weidenkapelle oder am Teich verbringen und ein Schreibimpuls nach dem anderen tauchte auf. Beim Thema „Die innere Landschaft in mir“ entstand die bisher erste eigene Liebeserklärung an mich selbst.

Unser Tag ging bis 22 Uhr. Ausgefüllt mit Glücksmomenten, Ergriffenheit, Kreativität, Traurigkeit und Gedankenfetzen, war ich lediglich noch in der Lage, mir die Zähne zu putzen, bevor ich völlig ermattet ins Bett sank.

Die morgendliche Schweige-Meditation brachte mich in Kontakt mit meiner Großmutter, die vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden und die vor zwei Jahren gestorben war. Es war ein so berührendes Erlebnis, dass ich erst einmal unfähig war, aufzustehen und zum Kurs zu gehen. Aber auch das war in Ordnung, wie es war. Dass beim Schreiben und Meditieren an der Seele gerüttelt wird und nicht alles genau nach getaktetem Plan laufen kann, wurde von allen akzeptiert. Rüdiger gab uns zum Abschluss noch viele verschiedene Tipps mit auf dem Weg („Kauft euch einen Füller und habt immer einen Block dabei“) und mit dem gemeinsamen Mittagessen endete ein ausgefülltes und kreatives Wochenende.

Nun liegt es an mir, dafür zu sorgen, dass diese wundervollen Momente der Stille, der Kreativität und der Innen-Schau auch Platz im Alltagsleben finden. Dass der Füller nicht sinnlos gekauft wurde. Es gilt, das tägliche Leben so zu stricken und zu weben, dass es eine runde Sache wird. Denn schließlich: “Wann singt mein Herz und wie oft nehme ich mir Zeit dafür?“

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5 Gedanken zu “Vom Schreiben, Sinnieren und Meditieren

  1. Ein toller Blogpost. Du schreibst klasse, und zwar so, dass man mit dir dort ist, dich in den Wald begleitet und in die Stille. Sehr sehr schön. Bin gespannt was sich daraus entwickelt.

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