Berliner Weiße mit Schuss – wenn ein Leben endet

Meine Oma
So behalte ich dich in Erinnerung - als lustige "Berliner Schnauze"

Liebe Oma,

97 Jahre bist du nun alt. Du hast genug des Lebens – und sie lassen dich immer noch nicht gehen. Noch vor einem Jahr warst du lebendig, lustig. Ich hatte dich länger nicht besucht und als ich dich begrüßte, fuhrst du mich im schönsten Berliner Dialekt an „Wer sind Sie denn? Ich kenne Sie gar nicht!“ Erst als ich dein Grinsen sah, merkte ich, dass du mich auf den Arm genommen hattest 🙂

Du hast in deinem Leben viel erlebt. Geboren im ersten Weltkrieg. Ausgebombt im zweiten. Mit Säugling in den Armen und einem Mann in der Fremde wurde dein Haus von heute auf morgen dem Erdboden gleich gemacht. Ihr habt nach Opas Rückkehr beide bei Null angefangen – und euch nie darüber beklagt. Auch als Opa an eurem 65. Hochzeitstag beerdigt wurde, hast du es mit Fassung ertragen.

Jetzt liegst du seit einem Jahr im Pflegeheim und öffnest fast nicht mehr die Augen.“Du brauchst sie nicht zu besuchen, sie bekommt sowieso nichts mehr mir“, sagt man mir.
Alle wissen: du willst eigentlich gehen. Abschied nehmen von diesem Leben. Aber mit künstlicher Ernährung hält man dich hier auf der Erde fest. Dein Körper, gestärkt durch eine gesunde Lebensweise, ist noch fit. Ihr hattet nie ein Auto, habt alles zu Fuß erledigt. Du kanntest keine Spaghetti Bolognese. Bei Euch gab es Eintopf und eingelegtes Obst, gekochte Möhren, Bohnen …

Als Kind habe ich immer fasziniert eure Vorräte bestaunt. Wer braucht 10 Tuben Zahnpasta? 20 Gläser eingelegte Mirabellen? Stapel von Toilettenpapier? Heute weiß ich: Nach solch entbehrungsreichen Zeiten wie den beiden Kriegen verständlich, dass ihr nie wieder hungern oder Not leiden wolltet.

Erinnerungen

Mir bleiben Erinnerungen aus der Kindheit, wenn ich meine Ferien bei Euch verbrachte.
Ihr hattet kein Bad in der Wohnung. Es gab eine Gemeinschaftstoilette auf halber Höhe im Treppenhaus. Abends habe ich mit den Füßen in der Küchenspüle gesessen und du hast mich gewaschen. Tagsüber sind wir losgezogen – zum nächsten Spielplatz. Auf dem Weg dorthin sind wir an der Bäckerei vorbei und du hast jedem ein Baiser gekauft. Zu trinken gab es TriTop. Du hattest alle Zeit der Welt und bliebst mit uns ewig auf dem Spielplatz.
Abends wurde dann die große Leinwand rausgeholt und wir konnten Dias bewundern. Von uns, von eurem letzten Urlaub, von Familienfeiern. Dazu gab es immer Eis mit Schokosoße für die Kinder und Berliner Weiße mit Schuss für die Erwachsenen. Und an manchen Tagen durfte ich das Eierlikörgläschen mit den Fingern säubern 🙂
Bei dir habe ich Häkeln und Stricken gelernt – und Sprüche wie „Du bist wie Zucker – süß und raffiniert.“

Ich weiß nicht, ob du zur Zeit in Erinnerungen lebst. Wenn ja, hoffe ich, dass es die schönen sind, die vor deinen Augen vorbeiziehen. Vielleicht tröstet es dich: Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich beim genauen Hinschauen auch immer Dich. Schon als Säugling sagte man mir nach, ich sähe dir ähnlich.
Und wenn ich nächste Woche als Braut vor dem Traualtar stehe, werde ich dich in meine Gebete mir einschließen. Wenn du dann irgendwann gehst, wird ein Teil von dir in mir weiterleben. Danke für Alles!

Meinen Oma und ich - im letzten Jahr
Wir zwei verstehen uns
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15 Gedanken zu “Berliner Weiße mit Schuss – wenn ein Leben endet

  1. Liebe M.,
    einen wundervollen Nachruf auf eine noch Lebende hast Du da geschrieben.
    Sehr berührend und traurig machend unter welchen Umständen sie jetzt noch ihr dasein fristen muss.
    Trotz allem, Dir ein wunderschönes Fest an Deinem kommenden Hochzeitstag.

    Alles Liebe,
    Laran

  2. Zum Weinen schön – und jetzt weiß ich auch, woher Du Deine bewundernswert positive Lebenseinstellung hast. Darf ich Dich bitten, Deine Oma unbekannterweise bei Deinem nächsten Besuch von mir zu grüßen?

    Ich wünsche ihr und Euch, dass sie den Zeitpunkt ihres Gehens selbst bestimmen kann. Das funktioniert nämlich, trotz künstlicher Ernährung. Sicher weißt Du das und sie auch.

    Liebe Grüße!
    Lilian

    1. liebe Lilian.
      Das werde ich sehr gerne tun, das Grüßen.
      Das mit der vererbten positiven Einstellung war mir bisher gar nicht bewusst. Aber beide Großelternpaare waren so. Zumindest wenn ich mich an meine Zeit mit ihnen zurückerinnere.

  3. Ich glaube nicht, dass Menschen, die auf diese Weise Abschied vom Leben in diesem Leben nehmen, nichts mitbekommen. Jedenfalls habe ich andere Erfahrungen. Wenn Du in Stille an ihrem Bett sitzt, wirst Du das auch merken, vermute ich.
    MIr gefallen die Kategorien Deines Blogs; da ist so vieles, was wichtig ist.
    Und angenehm unaufgeregt ist Dein Blog, er hat wirklich eine schöne Ausstrahlung.
    Viel Freude beim Bloggen weiterhin,
    Johannes

  4. Ich bin sicher, daß Menschen alles miterleben, auch wenn andere denken, sie würden nichts mehr mitbekommen. Man spürt friedliches, wärmendes und herzliches, beim Händehalten, über die Wange streicheln oder zuflüstern. Sie hat sicher in Gedanken an Deiner Hochzeit ‚teilgenommen‘, und wünscht Dir/Euch auf Eurem weiteren Lebensweg Glück, und nie mehr ein Hungern – körperliches, geistiges und seelisches Hungern.
    Alles Gute und Liebe für Dich & Deine Oma!

  5. Liebe Oma, jetzt hast du endlich deinen Frieden gefunden.
    Danke, dass es dich gab.
    Danke für die wundervollen Erinnerungen, die du in mir hinterlässt.

  6. Jede Schneeflocke, die jetzt gerade vom Himmel fällt, ist ein Gedanke an dich und deine Oma. Deine Geschichte hat mich sehr gerührt, ich danke dir dafür und wünsche euch alles Liebe.

  7. Wow! Von atemberaubender Schönheit geprägt, von lähmendem Mitgefühl getragen, von im Wasser verschwommener Spiegelung eigener Verluste unterlegt, haben mich deine Zeilen tief berührt und bewegt.

    Und obwohl ich schon im ersten Absatz den Kloß im Halse hatte, der zum Ende des zweiten Absatzes von Tränen fortgespült wurde, im dritten Absatz das lesen durch jene Tränen schwer wurde, war ich schon vom im ersten Satz von einem fest überzeugt: „Du musst ihr unbedingt ein »danke schön« hinterlassen!“.

    Dankeschön, dass Sie mich (eigentlich »uns«, die Leser) an ihrer tiefen Liebe und großen Achtung zu dieser Frau teilhaben ließen!

    Dankeschön, dass Sie so offen teilen, was den meisten selbst so verborgen, dass sie es nicht ein mal mehr in sich selbst entdecken können.

    Dankeschön, dass Sie diesen „Generations-Schatz“ mit ihren Worten nochmals aufpoliert, mit ihren ehrlichen, tiefen Empfindungen um deren Wert kenntlich gemacht und als solchen, als einen »Schatz« der Öffentlichkeit gezeigt!

    Dankeschön, dass Sie die Hoffnung neu eingepflanzt haben, dass auch bei uns jemand mal so liebevoll, respektvoll und voll der Anerkennung über uns sprechen könnte, wenn es denn bei uns mal soweit sei.

    Vor allem aber, möchte ich dafür Dankeschön sagen, dass Sie mir ein Lichtlein gehalten haben, dass vom Alltag, eigenem Stress und den tagtäglichen Sorgen viel zu schnell ausgeblasen wird: das dankbare Erinnern an all jene, die meinen Lebensweg begleiten, bereichern durfte! Es sind solche Zeilen, wie die ihren, die mich hoffen lassen, dass ich auch beim nächsten Verlust nicht von der Trauer erschlagen zu werden und in Verzweiflung damit zu hadern, wie es ohne diesen wohl weitergehen solle. Nein, ist sind genau diese Sicht, die mich hoffen lässt auch im tiefsten Schmerz die Kraft zu finden, dankbar dafür zu sein, dass derjenige mir solange gegeben, mich begleitete, mein Leben bereicherte, den Geist befruchtete und die Seele streichelte. Dieses „Lichtlein“, dass Sie hiermit wieder mal entfacht haben, lässt mich nicht nur hoffen, dass diese Sicht stärker als alle Trauer sein kann, sondern es hinterlässt auch eine tiefe Dankbarkeit, wie Sie sie mit ihren Zeilen transportiert haben.

    In diesem Licht, in diesem Geiste, gedenke ich meiner Großmutter „Gertraude Grund“ (geb. 1902, verst. 2003), gedenke ich meinem Vater „Karl-Heinz Reuter“ (geb. 1941, verst. 1977), gedenke ich meiner Mutter „Gisela Reuter“ (geb. 1936, verst. 24.12.2006) und vieler, vieler weiterer Menschen, Seelen und Wegbegleiter, die alle in dieser, einer ähnlichen Form, »in mir« weiterleben, weiterhin wirken, helfen und beratend an meiner Seite bleiben.

    Ich glaube ein Gefühl davon zu haben, was Sie in diesem Punkt empfinden. Ihre Worte beschreiben eben nicht nur ein Blatt, sondern ergeben auch ein Bild, dass sich dem aufmerksamen, offenem Leser sehr schnell und leicht zeigt, lässt dieser sich auch nur ansatzweise darauf ein. Ein Bild, für dessen Entstehung allein das »Dankeschön« schon soviel mehr als nur gerechtfertigt wäre.

    Ich wünsche Ihnen für das, was da unabwendbar ansteht ganz, ganz, ganz viel Kraft und ich würde es Ihnen nicht nur wünschen, dass Sie weit mehr von jener Dankbarkeit getragen werden können, als von der Trauer belastet – Nein; ich gehe sogar soweit, dass ich der festen Überzeugung bin, dass Sie dieses „durch Dankbarkeit getragen“ schlichtweg »verdient« haben!

    Verdient, weil »erkannt«, »erarbeitet« und »verstanden« sind doch noch immer die allerschönsten Formen „Danke“ zu zeigen, die Sie ihrer Großmutter _zurückgeben_ geben könnten – für alles, was diese Generation den Seinen war und gab!

    So bedanke ich mich ganz herzlich für sovieles, was mir ihr Beitrag zeigte, schenkte und in Erinnerung brachte und Wünsche Ihnen ein glückliches, sorgenfreies Leben – allein, weil dies schon ein ganz wunderbares Geschenk und Dankeschön auch an Ihre Großmutter ist, die sich sicherlich nichts sehnlichster, als dies (für Sie), gewünscht hätte!

    Mit großer Hochachtung und vollem Respekt,

    Ihr …
    Frédéric Ch.Reuter

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