Zeit der Dankbarkeit

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Seit einiger Zeit muss ich auf dem Weg zu meiner Arbeit wegen einer Baustelle einen Umweg gehen.  Der “Umweg” – oder solle ich ihn lieber als “anderen Weg” bezeichnen – führt mich durch eine alte Trierer Straße, der Predigerstraße. Sie ist – wie viele andere rund um den Trierer Dom – eine Kopfsteinpflasterstraße.

Blick in die Predigerstraße

Blick in die Predigerstraße

Dennoch ist diese Gasse etwas Besonderes. Sie hat nicht nur eine faszinierende Ausstrahlung, sondern auch ein Kopfsteinpflaster, das sich gewaschen hat. Diese Straße kannst du nicht in Hektik durchlaufen. Die Predigerstraße erfordert deine ganze Aufmerksamkeit. Das Pflaster ist so uneben, dass jeder Schritt bewusst gewählt werden will. Einmal nicht aufgepasst, und du knickst um oder stolperst.

In dieser Straße ist das Gehen die Hauptbeschäftigung. Sonst nichts. Kein Nebenher. Kein Vorbeigehen. Kein “mal-schnell-durchhuschen”. Nur die Straße und du.  So werde ich jeden Morgen gezwungen, zu mir selbst zurück zukehren. Die Gedanken, die vielleicht schon auf der Arbeit, bei der Familie oder beim Wetter waren, sind wieder ganz bei mir. Und ich widme dem Gehen meine ganze Aufmerksamkeit.

Wenn ich dich jetzt frage: “Wie war Dein Weg heute morgen?”, kannst du mir eine Antwort geben? Bist du auf Asphalt gelaufen? Auf Steinen? Auf Gras? Was befand sich zu deinen Füßen? Oder war das Gehen für dich nur ein Mittel der Fortbewegung und du hast es gar nicht wahrgenommen? Es ging alles so nebenher, so flüssig? Kein Stolpern?

Stolpersteine

Zum Vergößern anklicken: Stolpersteine in der Zuckerbergstraße (Foto: Roland Morgen)

Stolpersteine in der Zuckerbergstraße (Foto: Roland Morgen)

Die Initiative “Stolpersteine” kommt mir dabei in den Sinn.  Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit dieser Aktion an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Boden einlässt.  Es sind inzwischen über 500 Orte in Deutschland bzw. Europa, an denen solche Stolpersteine zu finden sind. Auch in Trier finden sich einige dieser Stolpersteine.

Die Stolpersteine holen dich für einen Augenblick zurück in den Moment, weil du deine Aufmerksamkeit auf den Boden richtest. Und während du liest, wer in der damaligen NS-Zeit in diesem Haus gewohnt hat und umgekommen ist, fühlst du eine Dankbarkeit für dein Leben in dir aufsteigen. Dankbarkeit für die Zeit, in der wir leben. Freude darüber, ein freier Mensch zu sein. Erleichterung darüber, denken und sagen zu dürfen, was du möchtest.  Also, wie aufmerksam gehst DU durch dein Leben?

Wer mehr über die Stolpersteine wissen will: auf der Seite www.stolpersteine.com findet man jede Menge Hintergrundinfos. Und wer wissen will, wo in Trier Stolpersteine liegen, schaut unter www.stolpersteine-trier.de


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